Gespräch mit Rolf Dennemann
G: Was sagen Sie zum Motto: Die Kulturhauptstadt geht – wir bleiben hier!
Dman: Die KH geht ja nicht tatsächlich, sie ist ja auch nicht gekommen, sondern hier entstanden – auch in der Person Oliver Scheytt. Eine Art Nachfolge soll es ja geben. "Wir bleiben hier", klingt so wie "Warum nehmt ihr uns nicht mit. Wir wollen auch weg!" oder "Ätsch, die Ratten verlassen das Schiff. Wir bleiben, auch wenn uns das Wasser bis zum Hals steht."
Die Frage ist auch: Was wurde versäumt und läuft jetzt Gefahr zu verschwinden? Was nicht zur KH gehörte, wurde auch nicht in 2010 gehört und hat auch keinen Anspruch auf Nachhaltigkeit, oder? Dazu zählen nicht die großen Festivals, aber z.B. off limits.
Ruhr2010 – nachhaltig wie eine Wanderdüne oder flüchtig wie Sand in einer Eieruhr?
Ruhr2010 – volle Fahrt voraus (Traumschiff) oder absaufen (Paddelboot)?
G: Überall liest man jetzt erste Auswertung der Kulturhauptstadt: was war gut, was war nicht so gut
Dman: Aus welcher Sicht? Was war sichtbar, was unsichtbar? Zu viel klein, zu wenig groß? War etwas wirklich schlecht oder nur nicht so gut?
G: Wie geht es weiter mit der regionalen Kultur? Wie stellen sich die soziokulturellen Zentren und Freien Gruppen zukünftig regional auf?
Gibt es regionale Kultur eigentlich nicht erst seit Ruhr2010? Das Land hat bisher die regionale Kultur unterstützt, nicht die Städte. Das muss sich ändern, aber wie – politisch und finanziell?
Ja, wie stellen sich die Zentren auf? Ist das nicht so wie bei den Stadttheatern? Jeder weiß, dass die Strukturen nicht gut sind, die künstlerische Arbeit der Theater aber sehr wohl. Die Hoffnung auf innere Einkehr, auf Selbstreinigung gibt keinen Anlass zur Hoffnung. Bestandspflege reicht nicht. Evaluation, Schüttelgymnastik und Konzeptverrenkungen – vielleicht. Was ist eine Freie Gruppe?
G: Aussagen zur Nachhaltigkeit können naturgemäß erst in zwei- drei Jahren getroffen werden.
Dman: Hoffnung auf die Geschichtsschreibung.
G: Die kommunale Finanzkrise ist längst nicht überwunden: mitten im KH-Jahr gab es massive Kürzungen und Einbrüche bei den kommunalen Finanzen. Es ist damit zu rechnen, dass der kommunalen Kultur zukünftig weitere Mittel entzogen werden.
Dman: Man rechnet also damit. Das bleibt bei allen "klare Sache". Die Kürzungen in der Kultur oder besser Kunst gehören zum Leben wie der Sonnenaufgang…eh – untergang.
G: Positiv war die Zusammenarbeit der Kommunen über die KH-Beauftragten, Projekte wie Kulturkanal, Odyssee. Einige Projekte wie der Kulturkanal sollen weitergeführt werden; finanzielle Zusagen sind schon da.
Dman: Ich war bei einer Veranstaltung, wo die ersten zwei Reihen für die KH-Beauftragten reserviert waren. Am Ende waren 3 Plätze besetzt. Wie wir wissen, gibt es Pappnasen und Eifrige.
Kulturkanal – man hat also die Wasserstraßen entdeckt. Das ist eine Sache für RuhrTourismus und den ÖPNV, bei dem man mit Schiffen eventuell besser weiter kommt als mit dem jetzigen System.
Odyssee – wie der Name schon sagt – ist vorbei. Dass sich Intendanten einer Region austauschen, das scheint mir obligatorisch.
G: Positiv war die breite Beteiligung der Bevölkerung bei Projekten wie Stilleben A40, Schachtzeichen, I.Sing und bei den Local-Heroe-Wochen
Dman: Da kommen wir später noch zu diesen Umfragen. Bei anderen Projekten konnte sich die Bevölkerung gar nicht so breit einbringen, haben höchstens davon hören können…
G: Positiv war auch die deutlich gestiegene Wahrnehmung der Region nach Innen (hohe Zustimmung zur Kulturhauptstadt) sowie in den nationalen und auch internationalen Medien.
Dman: Alles, was das Ruhrgebiet nach außen bringt, tut den Bürgern gut – nach all den Jahrzehnten, wo es nur um Abbau, Arbeitslosigkeit, Shrinking Cities ging – da kommt alles neben dem Fußball gut an. Dass es daran scheinbar mangelt, also an Personen und Ereignissen, sieht man in den Medien daran, wer eingeladen wird, wenn es ums Ruhrgebiet geht (Mutter Beimer, Ralf Möller, Klaus Berendt, Dietmar Bär, Lohmeier etc.) Hier noch lebende Personen werden nicht getragen, nicht mal von den Städten. Und da war die KH genau richtig, denn die war von vorneherein fürs Ganze gedacht. Und doch war Fritz nötig – immerhin aus Duisburg-Meiderich.
G: Wirtschaftlich positiv waren ebenso die z.T. sehr deutlich gestiegenen Besucher- und Übernachtungszahlen – insbesondere in der Stadt Essen
Dman: Ja, na klar.
G: Es gab eine überwiegend ökonomische Rückbetrachtung der Veranstalter auf das KH-Jahr; Besucherzahlen, Pressemeldungen (in Geldwert umgerechnet!)…
Dman: Wird das hier gerade nicht genauso gemacht? Pressemeldungen sind ein gutes Beispiel für den weichen Faktor. Wie viel Wert hat eine Meldung in der Bäckerblume, wie viel in der FAZ? Währung ist PM (Pressemeldung) = Euro und Pressemitteilung ohne Veröffentlichung = Cent
Man braucht also 100 Pressemitteilungen, damit eine veröffentlicht wird. Nehmen wir also die WAZ (= 2 PM), dann wären es 200 Ereignisse für eine veröffentlichte Meldung. Die Stadtteilwerbezeitungen wären 1 PM, die FAZ 10 PM, die New York Times ca. 50 PM…Jetzt wird's schwierig mit dem Rechnen mit weichen Faktoren……
G: Die KH war in der Planungs- und Durchführungsphase vor allem ein Top-Down-Modell (Mangelnde Teilhabe/Transparenz und nicht vorhandene Unterstützung bei Vernetzungsprozessen insbesondere bei der freien Szene).
Dman: Geht das auch anders? Gibt es Beispiele? Down-Top? Es ist wie bei vielen großen Neuerungen in der Geschichte. Fritzchen Müllkowski hat eine Idee. Er ist down, weil er niemanden findet, der sie verwirklicht. Gute Ideen haben auch Greta Karbon, Willi, Bernhard und Kevin (?). Die Ideen schwirren durch Hinterzimmer, Garderoben, durch ein paar Flyer und Internetseiten. Dann kommt Bruce Leekowski aus Puselmuckel-City und wird vom königlichen Kulturrat gefragt, ob er eine Idee habe. Er hat sie und wird zum Motor für eine neue Zeit. Es ist die Idee, die schon Müllkowski hatte. Die Idee ist Top, Fritzchen ist aber immer noch down.
Das Parlament von Reykjavik fordert "transparente Korruption", der Bürgermeister ist ein ehemaliger Rockmusiker und Comedian. Dem kann man sich nur anschließen. Jeder kann wissen, welche Hand wen wäscht.
Die freie Szene befindet sich seit Jahrzehnten in einer Vernetzung. Alles, was nicht glänzt, ist frei. Es ist die virtuelle Vernetzung des Mittelmaßes, den jede Gesellschaft braucht, damit sie merkt, was gut und was schlecht ist. Die paar Ausreißer nach oben werden dann mal kurz gefeiert, andere zählen nur dann zur Freien Szene, wenn es "gut kommt". Auch der Starlight-Express ist eigentlich Freie Szene, auch die Love Parade. Beides wird nicht subventioniert, oder?
Aber eigentlich sind in der Regel die gemeint, die nur wenig haben und also nichts Großes entwickeln können – aus finanziellen, räumlichen und oft auch künstlerischen Gründen.
G: Es fehlte ein inhaltlicher roter Faden /Leitthema. Das Motto "Wandel durch Kultur" war zu allgemein gefasst. Das KH-Programm war ein Sammelsurium von unterschiedlichsten Projekten.
Dman: Ich verweise hier auf ein Zitat aus meinem Programm:
"Ich werde meine Haare wachsen lassen! Ich werde das Kulturhauptstadtjahr nutzen, um ein Exempel zu statuieren. Wandel durch Kultur! Wachstum durch Kultur!
…Ab sofort erkläre ich meinen Schopf für ein wachsendes Kunstwerk, das Ende des Jahres feierlich während einer Vorstellung durch Abschnitt vernichtet werden wird.
Das nenne ich ein Projekt. Das Kunstwerk läuft herum und wird wachsen, wehen, flattern, zauseln, tropfen, trocknen, sich verknoten und vor allem sich vernetzen."
G: Der Metropolenbegriff ist aufgesetzt und trifft nicht die Struktur der Region; er wird sich daher auch nicht im Bewusstsein der Menschen hier verankern (und das ist gut so). Der Metropolenbegriff bezeichnet zudem eine historisch überholte Struktur (Machtzentralismus, antidemokratische Strukturen von oben nach unten). Moderne Strukturen sind Netzwerkstrukturen bzw. Rhizome (Geflechte mit Knotenpunkten); das Ruhrgebiet ist keine Metropole, da es kein metropoles Zentrum besitzt (und auch nicht haben will) und es an Verdichtung fehlt. Es hat eine typische Netzwerkstruktur, an die es anzuknüpfen gilt. Die Auswirkungen des "Metropolenwahns" sind an der Loveparade-Katastrophe zu studieren.
Dman: Es war von vorneherein klar, dass der Begriff "Metropole" aufgesetzt war. Das war ja der Sinn – ihn aufzusetzen. Bisher war er ja nicht da, der Begriff. Also muss man ihn aufsetzen, auf dass er in aller Munde ist und alle sagen: "Ach, Metropole, wir sind doch keine Metropole." Wenn man also durchgehend damit umgeht, gilt man als Spinner und was braucht die Kunst und die Gesellschaft? Spinner, damit was geht, verstehst Du. Wenn dann am Ende aus Metropole was anderes wird, z.B. ein RAUM, dann ist doch was gewonnen und ohne den Spinner wäre es immer noch ein Zimmerchen.
G: Die Kreativwirtschaft ist als Blase künstlich aufgebläht worden. Trotz erheblicher finanzieller Mittel (Dortmunder U, u.a.) sind in der Zukunft voraussichtlich keine nennenswerten zusätzlichen Effekte zu erwarten. Wichtiger ist es, vorhandene Strukturen und Potentiale (Jazzwerkruhr, junge Künstler, etc.) lokal zu fördern und zu unterstützen (preiswerter Atelierraum, Räume zum Experimentieren, etc.).
Dman: Die Blase würde an der Börse sobald nicht platzen. Sie lebt von Blasen. Vielleicht ist das schon in unser alltäglich Leben eingefahren. Der Mensch braucht scheinbar Blasen wir der Börsianer. Aber man kann sie ja entleeren, damit sie sich wieder füllen kann. Aus einem Textileinzelhändler wird eben ein Kreativer, sobald er seine Kleider aus Feuerwehrschläuchen herstellt. Internet-Autodidakten werden zu Webdesignern und Lay-Out-Freaks – also Kreative. Es wird derzeit so viel gelayoutet wie nie zuvor. Vieles davon verschwindet in der Welt, aus der es kommt – der virtuellen.
Man sollte sich gegen weitere Museumsbauten wehren. Hier wird das Hinterlassene in Verbindung mit Immobilien gefördert, hier werden Denkmäler erbaut für die Erbauer und Etat-Jongleure. Packt doch die ganzen Kunstwerke und Reste in Leerstände. Es gibt doch genug davon. Ich habe die Innenstadt von Gelsenkirchen schon vor zehn Jahren zum Gesamtkunstwerk erklärt. Da könnte man Eintritt nehmen und alles dem Verfall überlassen. Das gleiche gilt für die Marktstraße in Oberhausen. Da liegt noch viel kreatives Potential.
Junge Künstler! Das hört man ja immer wieder. Das ist wie mit den Krankenkassen. Eines Tages werden nur noch junge, gesunde Menschen aufgenommen. Wer nicht rechtzeitig Mitglied wird, ist alt und hat schon Macken, kann sehen, wie er sich hilft. Niemand verweigert jungen Künstlern Förderung oder Unterstützung. Schaut man auf den demografischen Faktor, dann heißt das, dass die Kürzungen in der Kultur damit harmonisieren würden, würde man sich auf die jungen Künstler fixieren, denn es werden weniger. Allerdings würde die Zahl der Hartzer steigen, die dann wiederum nicht mehr zur Kreativwirtschaft gehören würden. Ach je……………..
G: Notwendig ist ein kritischer regionaler Rückblick auf die Kulturhauptstadt, der positive wie negative Elemente beschreibt. Entstandene Netzwerke zwischen den Kommunen und kulturellen Akteuren in der Region sollten weitergeführt und neue Netzwerke entwickelt werden. Dazu bedarf es auch einer moderierenden Institution. Sinnvoll erscheint als Akteur weder eine neue (und damit teure) Agentur, noch der schwerfällige RVR. Ob die Kultur-Ruhr GmbH die geeignete Institution dafür ist, wird sich ggf. noch zeigen.
Ja, das wird sich zeigen, denn sie ist auch fast behördlich organisiert, war es zumindest bis 2005. Wird da personell was zusätzlich eingespannt oder bleibt es wie es ist? Dann würde sich die RuhrTriennale vermischen. Nicht gut. Es soll ja auch offenbar nur um Großprojekte gehen. Ab wann ist ein Projekt ein Großprojekt?
G: Die LAG (Landesarbeitsgemeinschaft sozio-kultureller Zentren) macht hier einen Vorschlag. Du hast ja an der Sitzung teilgenommen.
Die soziokulturellen Zentren, freien Theater und freien Einrichtungen im Ruhrgebiet wollen eine regionale Produktionsgemeinschaft gründen. Einmal/Jahr soll eine gemeinsame künstlerische Produktion geplant und durchgeführt werden. Dazu bedarf es einer klaren Idee, entsprechender Strukturen (Kooperationspartner, wechselnde Intendanz, etc.) und entsprechender finanzieller Ressourcen. Möglich ist ggf. auch eine Andockung der Produktion(en) an ein vorhandenes Festival (Triennale).
Dman: Hier fände ich es gut, wenn man Namen nennen würde. Ein Freiberufler und –denker lebt von Ideen und macht Vorschläge, die er ungern ohne Weiteres ins Gewerkschaftseinheitsbild oder in den Verbandsgebrauch bringen würde. Die Idee ist selbstverständlich nicht nobelpreisfähig und fast schon öffentlich, aber eben meine. Werde die VorstandkollegInnen vom Verband (Verband Freie Darstellende Künste NRW) einbinden, falls es zu so einem Vorschlag kommt.
Es soll kein Jekami werden. Immer wird es Meckerer geben. Dazu gehör ich ja auch. Aber die kräftigen Kräfte und die schwachen Kraftvollen sollen gefragt werden, was sie von einer solchen Idee halten, ihr zugeneigt sind oder sich enthalten.
Sagen wir so – Beispiel:
Projekt heißt: "Krach im Treppenhaus – das Gemetzel"
Untertitel: …oder die Kunst, zwischen Döner, Grünkohl und Pommes ein Bild zu betrachten
Eine interdisziplinäre Versuchsanordnung zum Zusammenspiel von Schichten
Es beteiligen sich fünf Städte mit insgesamt zehn Orten/Institutionen
Essen – Grend, ein Kino und Folkwang
Dortmund – Depot, U
Duisburg – Theaterarbeit DU, Landschaftspark
Bochum – Prinz-Regent-Theater, Kulturkirche, Bahnhof Langendreer
Schwerte – Rohrmeisterei
Dann würden die Städte und ihre Partner – sagen wir – insgesamt 80.000,-- zusammenbringen. Der Rest käme vom Land und anderen….
So ein Produktionslabel wäre eine Möglichkeit, nach außen als "stark" aufzutreten. Natürlich kann das nicht irgendwas sein. Dazu gehört ein intelligentes Management. Dies könnte z.B. von Kultur Ruhr ausgehen. Es geht nicht um die sogenannte "Hochkultur", sondern um eine freie Produktionsweise, die europäisch konkurrenzfähig ist. Dazu gehört auch der Raum, ob im Freien oder in einem Theater oder einer Halle. Zumindest wird eine Ruhrgebiets weite Kenntnis in Gang gesetzt, die ja jetzt durch fast ausnahmslos lokale Berichterstattung verhindert wurde. Ob sie sich nun international platzieren will die Region bezieht oder nicht, ist nicht so sehr von Belang. Sie wird hier produziert, ist hier zu sehen, ausgehend von einer Idee, die eben genau aus dem HIER stammt. Während Ruhr2010 ist zum Beispiel die Urbanatix-Show hier entstanden und wurde direkt nicht aufs Lokale bezogen, sondern ist und war eine Ruhrgebietsnummer.
Inwieweit die "Player" da mitspielen, ist eine andere Sache. Da kann es nicht um Abstimmungskunst gehen. Ob da eine Intendanz wechseln muss oder nicht, ist Sache der Qualität und nicht des Prinzips. Hätte man Gerard Mortier behalten, hätte die RuhrTriennale jetzt ein anderes Gesicht, wäre tiefer verwurzelt gewesen mit dem HIER und JETZT. Hätte…..Wichtig wäre die Unterstützung der maßgeblichen (?) Veranstalter der sogen. Freien Szene. Die Beiträge können höchst unterschiedlich sein, von Raumnutzung über gemeinsame Werbung bis hin zu künstlerischer und finanzieller Beteiligung. Es wäre ein LABEL.
Ein weiterer Vorschlag, der direkt die sogenannte Kreativwirtschaft berühren würde, die bisher naturgemäß die Darstellenden Künste außen vor lässt (keine Gewinne), wäre die Einführung einer Kunstplattform Ruhr.
G: Es bietet sich das Thema der kulturellen Teilhabe als zentrale und zukunftsorientierte Produktionsidee an: Entwicklung von neuen Formen der Partizipation, Einbindung breiterer und differenter Bevölkerungskreise an und in künstlerische Projekte und Vorhaben als bisher. Eine Überlegung könnte z.B. die Wiederaufnahme des im Rahmen der KH nicht durchgeführten Projektes "Das fliegende Rathaus " sein.
Dman: Was ist das "fliegende Rathaus", ein Theaterstück? Auch hier wundere ich mich sehr. All das gibt es bereits und da rede ich unbescheiden von eigenen Projekten, also von artscenico performing arts. Bedeutet das, dass die Wahrnehmung solche Arbeiten in den Kommunen nicht erkennt oder erkennen will oder dass dies genau da herrührt, wovon ich anfangs gesprochen habe. Die Freie Szene liegt am Rande und der Rand ist von der Mitte am weitesten entfernt.
Seit Jahr und Tag betreiben wir genau das, und zwar in Dortmund, zuvor in Gelsenkirchen, ab und an im fernen Ausland. Die Entwicklung "neuer Formen" (gibt es eigentlich nicht, sondern nur Variationen) ist unser Programm, aber nicht unser Dogma. In den 90ern hat ein WDR-Kritiker in einer Sendung über das Stück "Fröccs – la vie" gesagt: "Das ist Welttheater. Käme die Produktion aus New York oder Tokio, wäre eine Tournée ausverkauft. Aber "Fröccs" findet in der Kaue in Gelsenkirchen statt."
Nehmen wir die Inszenierung eines Friedhofs in Dortmund, das Kleingartenprojekt "Datscha live" oder jetzt im Oktober "Kein Wasser runterschütten" während der KH und sehen in die regionalen und nationalen Medien. Nichts. Nur der Dortmunder, unterstellt er ist Zeitungsleser, erfährt davon. Alles Versuche der Teilhabe, der Partizipation, sogar mit dem Plus die Umwelt, die Natur mit einzubeziehen. Bei "hangingaround", das größte Teilhabeprojekt bisher, gab es gar internationale Reaktionen, aber kaum welche im Ruhrgebiet. Was ist also los?
G: Wir schlagen eine öffentliche Diskussion zu diesem Thema vor.
Zeitraum: Mitte Januar bis Mitte Februar
Ort: RVR/Essen
Diskussionsteilnehmer: Land NRW (Schäfer, Schäfer oder Landmann), RVR (Klink/Nellen), Ruhr 2010 (Scheytt), Kommune (J.Stüdemann), Freie Szene/LAG NW (N.N.), Sabine von der Beck
Dman: Da haben wir's wieder. Was unterscheidet diese Diskussion von anderen? Frau Schäfer wird sagen, wie wichtig ihr die freie Szene ist. Sie wird die Anstrengungen betonen, die das Land macht, Kultur weiter zu fördern – in Zeiten der Sparzwänge. Das gleiche wird Jörd Stüdemann sagen, sicher eloquenter und mit mehr Know-How. Klink oder Nellen werden betonen, welch eine wichtige Rolle hier der RVR spielen kann und auf die Erfolge hinweisen. Alle werden sagen, dass die Freie Szene sehr wohl großen Anteil an Ruhr2010 hatte. Ich habe keine Ahnung, was Sabine von der Beck sagen wird. Ich hab sie nirgendwo gesehen, aber es gab ja 5500 Veranstaltungen, da kann man sich schon mal verpassen. Freie Szene/LAG – was meint das? Weder die Freie Szene ist eine Person, noch die LAG.
Wer wird bei der Kultur Ruhr verantwortlich sein? Wer bleibt von Ruhr2010 dabei? Scheytt? Was ist mit Gorny? Wer ist die Grüne Person in Sachen Kultur im Ruhrgebiet? CDU-Chef Ruhr? Frau Kraft? WAZ? WDR? Da muss man sorgfältig schauen, wen man da hinsetzen will, warum und ob die Person auch will. Schwieriges Feld.
Vielleicht geht es auch nur mit konkreten Vorschlägen, die diskutiert werden, um das allgemeine Blabla zu verhindern.
G: Bei der Diskussion in Mülheim (http://www.emsdettenervolkszeitung.de/nachrichten/kultur/kudo/art1541,1128246) war auch Gottfried Wagner aus Wien. Bernd Aulich schreibt in der Emsdettener Volkszeitng (!):"Dafür kam aus Österreich scharfe Kritik an der Ruhr. 2010-Konzeption. Schmeichelte Ministerialrat Gottfried Wagner vom österreichischen Kulturministerium dem Revier zunächst mit dem Hinweis, dass "noch nie eine so komplexe Kulturhauptstadt gestemmt wurde", so hob er gleich darauf den "Mangel an künstlerischer Radikalität" hervor.
Dman: Ja, die Freien Radikalen. Hab ich auch nicht gesehen. Aber was ist heute radikal? Sicher keine einzelne Veranstaltung, oder gar ein Stück oder eine Ausstellung. Künstlerisch radikal war aber bei Ruhr2010, dass manches zur Kunst erklärt wurde (siehe oben). 2-3 Straßen, das Projekt von Jochen Gerz, ist das beste Beispiel. Aber auch bei der Route der Wohnkultur entpuppte sich manches als Gesamtkunstwerk. Aber dahinter steckt auch der Mangel an Events, der von einigen hervorgehoben wurde. Ruhr2010 war keine Event-Veranstaltung (wie die deutschen es verstehen – nämlich negativ). So wollten es doch alle, oder? Ohne den "Event" Stillleben hätten viele gar nicht gewusst, dass es die KH gibt. Und danach kam nix Großes mehr, auf das man hätte hinhoffen können. Die Großen ziehen die Kleinen mit – so ist es schon in der Schule. Day of Song war fürs Volk, aber keine welt-greifende Veranstaltung, die neue Chorgesangstechniken zum Höhepunkt treibend in der New York Times erwähnt wird. Odysseus war Auftragsarbeit und beileibe keine Innovation.
Die zeitgleiche Sprengung in zehn Städten von leer stehenden Bürogebäuden o.ä, wäre so ein Event gewesen, ein radikaler. Künstlerisch radikal wäre es allerdings, wären diese Gebäude "überflüssige" Museen, Zeichen, sich von Hinterlassenschaften zu trennen.
Ebenso wäre ein Tag des Müßiggangs mediengünstig gewesen, aber nicht an einem Sonntag: Rumhängen im Revier – offensives Nichtstun!
Kunstradikal ist sicher auch die Inszenierung einer Boulevard-Komödie um Rechtsradikale. Eintritt für Neonazis für die Hälfte.
Sportlich lief fast nichts. Auch hier hätte man radikal Aufmerksamkeit erregen können: 2010 hätten z.B. alle Heimspiele des FC Schalke 04 in Dortmund stattfinden können und umgekehrt, der Integration ein Zeichen setzend.
G: Auch einen Mangel an Begegnungen von Migranten unterschiedlicher Herkunft hat der Wiener ausgemacht.
Dman: Da hat der Mann keine Ahnung von den Verhältnisse hier. Hier ist die Begegnung alltäglich, allerdings weniger in den Opern- und Schauspielhäusern. Man bräuchte auch eine Zeitmaschine, um Fehler aus der Vergangenheit zu revidieren. Da reicht auch ein Festival "Melez" nicht, auch nicht die Bräute in Marxloh. Es wurde mehr Bahai um die Migranten gemacht als es die Migranten haben merken können oder wollen. Heikles Thema. Da empfehle ich die ARD-Serie "Entweder Broder" (http://henryk-broder.com/)
G: Die WDR-Umfrage sagt: RUHR.2010 hat die Menschen im Ruhrgebiet zusammengeschweißt /89 Prozent der Besucher hat das Programm gefallen
Köln/Metropole Ruhr (idr). Die Kulturhauptstadt RUHR.2010 hat die Menschen
im Ruhrgebiet stärker zusammengeschweißt. Davon ist die Mehrheit der
Menschen in Nordrhein-Westfalen überzeugt. Zudem bewerten sie das
Veranstaltungsprogramm von RUHR.2010 sehr positiv. Zu diesem Ergebnis kommt
Infratest dimap im Auftrag des WDR.
Laut Umfrage haben 81 Prozent der Menschen in NRW von RUHR.2010 gehört,
bundesweit ist die Kulturhauptstadt 58 Prozent der Menschen ein Begriff. 73
Prozent derjenigen Nordrhein-Westfalen, die RUHR.2010 kennen, hat das
Programm gut beziehungsweise sehr gut gefallen (bundesweit 54 Prozent). Von
denen, die tatsächlich einige oder viele RUHR.2010-Veranstaltungen besucht
haben, beurteilen 89 Prozent das Programm positiv.
Als Höhepunkt der Kulturhauptstadt nannten die Befragten am häufigsten das
Still-Leben auf der A40.
Für die Umfrage hat Infratest NRW-weit 1001 Menschen sowie bundesweit 1004
Menschen ab 18 Jahren telefonisch befragt.
Dman: Wieder ein Beweis für irreführende Statistiken. Ist doch klar: Wenn drei Millionen Menschen beim Stillleben waren und nur 100 bei einer anderen Veranstaltung, dann kann das ja nur heißen. Die Veranstaltung mit den 100, wovon nur einer am Telefon war, war somit Scheiße. |